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Am nächsten Morgen geht es pünktlich um 6 Uhr von der Isla de Meanguerra los Richtung Nicaragua. Ist aber auch kein Wunder, weil die Launcha speziell für uns fährt. Sophie verschläft die diesmal deutlich schaukligere Überfahrt, Oskar ist noch nicht richtig wach und will gut festgehalten werden. Wir landen in Potosí am Strand, neben den Überresten eines Landungsstegs für die Fähre, die es mal zwischen den beiden Ländern gegeben hat. Zoll, Einreise und Militärkontrolle in Nicaragua funktionieren problemlos, die Beamten sind alle sehr freundlich und korrekt.

Potosí liegt am Ende einer eh schon nicht dicht besiedelten Halbinsel, sprich es ist sehr ländlich. Auf den Wegen ist der Sand so tief, dass wir oft schieben müssen und die Bauern reiten zum Einkaufen und binden Ihre Pferde wie im Western vor dem einzigen Laden an. Wir finden Unterkunft bei einer Familie, die Hinterzimmer vermietet. Das ist angenehm für uns Eltern, weil die Kinder lange Zeit mit Oskar und Sophie spielen. Nach einem geruhsamen Spaziergang zum Strand (mit Schiffswracks) suchen wir uns noch einen Comedor zum Abendessen. Es gibt Landestypisch Gallo Pinto, d.h. Rührei und Reis mit Bohnen. Zwei volle Portionen mit Cola für $1,50. Da es keine Straßenbeleuchtung gibt, ist es sowieso schon recht dunkel in Potosí, dann fällt noch der Strom aus und alles ist nur noch schwarz.

Bei Kerzenlicht essen wir und überlegen wie wir unser Zuhause finden. Ich (Hannes) gehe dann schon mal alleine los, um eine Stirnlampe zu holen. Es ist schon sehr schwierig überhaupt die richtige Abzweigung zu finden, welches der dunklen Schatten unser Haus sein soll - keine Ahnung. Ich probiere es mal mit rufen, aber es fühlen sich nur mehrere Höllenhunde angesprochen. Vor mir, neben mir und hinter mir. Ich bin froh als ich mich wieder bis zu der Essensbude zurückgetastet habe und dort lässt sich jetzt sich jetzt Gott sei Dank jmd. mit Taschenlampe auftreiben, der uns zu unserem Haus begleitet. Die einzige Strasse, die von Potosí wegführt ist unbefestigt und lt. Der Nicaraguaner "muy mal".

Warum der Bus für die 90 km bis zur nächsten Stadt 3,5 h brauchen soll, wird uns schnell klar, als wir losradeln. Ein fürchterliches Gerüttel, dann noch Schlamm, Auswaschungen und Riesenpfützen. Zumindest haben wir unseren Anhänger nicht umsonst hinsichtlich des Fahrwerks getuned. Die Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt auf unter 10 km/h und 40 km sind wir froh wieder auf Teer zu fahren (im Slalom um zahlreiche Löcher). Wir biegen von der Hauptstrasse ab und radeln noch 8 km zur Küste, um in einem Ferienort zu übernachten.

Es gibt nur das Hotel El Zoro an einer Lagune, mit Eimerdusche, toten Fischen im Sand und zur Begrüßung springt uns ein Dobermann mit dem gelungenen Namen "Rambo" an. Sophie hat  Erkältung mit etwas Fieber und Oskar und ich haben Durchfall, ein Reifen ist platt -> heute hätten wir alle Lust auf etwas mehr Zivilisation, aber bis zur nächsten Stadt Chinandega ist es noch eine Tagesetappe. Die Strasse wird Richtung Chinandega immer besser und so sind wir bald in der Stadt. Die Unterkunft zu finden ist dann noch etwas kniffelig, da es keine Straßennamen gibt, sondern Adressen immer relativ zu markanten Punkten, Tankstellen o.ä. beschrieben werden. In der Stadt versorgen wir uns mit Geld, Mittagessen, einer Diagnose vom Kinderarzt zwecks Sophies Husten und den entsprechenden Medikamenten.

Oskar ist barfuss unterwegs, weil uns seine Sandalen mal wieder abhanden gekommen sind. Oskar ist das egal, aber wir ernten böse Blicke und Vorwürfe von anderen Müttern und Omas, weil in diesen Länder nur die allerärmsten ohne Schuhe rumlaufen. Und es gibt wilde Gerüchte, dass man von den kalten Füssen krank werden würde - Oskar hat eher Mühe sich die Füße auf der heißen Strasse nicht zu verbrennen.

Eine Tagesetappe von Chinandega ist Leon (6.7.), das Antigua von Nicaragua. Auf dem Hauptplatz sammeln sich am nächsten Tag viele Menschen mit schwarz-roten Fahnen und Tüchern. Es sind Sandinisten, also Anhänger der ehemaligen Revolutionsbewegung, die jetzt als zweitstärkste Partei FSLN im Parlament sitzt, und wollen Daniel Ortega, der vor 10 Jahren zum letzten Mal Präsident für FSLN war, Unterstützung zeigen. Vor dem Sandinistamuseum hält jmd. Reden(d.h. eigentlich schreit er mehr) und immer wieder wird geschossen (in die Luft). In dem Museum selbst treffen sich dann anscheinend die Revolutionsveteranen: Camouflagehosen, Che Guevara T-Shirts und nicht zu übersehenden Verletzungen aus dem Bürgerkrieg.

Mit Oskar gehe ich hinterher noch zum Friseur, mit zwar deutlich harmloseren, aber trotzdem nicht zu übersehenden Schnittwunden kehren wir zurück. Und ich hatte Oskar vorher noch gut zugeredet, weil er doch etwas Bedenken hatte. Ich lasse mir dann doch lieber Bart und Haare lang wachsen. Die 100 km bis nach Managua sind auf einmal nicht zu schaffen, also suchen wir in Nagarote auf halbem Weg nach Unterkunft und werden von Carlos bei einer befreundeten Familie privat untergebracht.

Carlos, der augenblicklich wie 60% der anderen Nicaraguaner ohne Arbeit ist – und das obwohl er ausgezeichnet Englisch spricht, freut sich uns helfen zu können und über die Einladung zum Essen als Dankeschön noch umsomehr. Der Architekt hatte sich gedacht, damit es trotz Blechdach nicht so heiß wird, lässt er einen Spalt zwischen Dach und Mauern, die Fledermäuse haben sich gedacht: supergeile Höhle. Deshalb glotzen mich auch 10 Stück von oben an, als ich das erste Mal ins Bad gehe.

Mit Oskar geht es dann noch auf eine Nicaraguanische Dult, mit Fahrgeschäften wie aus einem Film von Tim Burton. Die Mechanik ist komplett offen gelegt, Zahnräder, Kupplungen, Riemenantriebe hundertmal geflickt, und das ganze angetrieben von einem qualmenden Benzinmotor und aussenrum dreht sich das Karussell. Eine gemeinsame Fahrt gestehe ich Oskar zu, die wir unter Husten und mit brennenden Augen wg. den ungefilterten Abgasen beenden. Dann doch lieber das handbetriebene Karussell für die ganz Kleinen.

 

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