Der Norden Perus hat auf der Panamericana außer platter Wüste für Radler nicht viel zu bieten. Deshalb heben wir uns die Zeit für was Spannenderes auf und fahren mit dem Bus von Tumbes bis nach Lima. Wir hatten befürchtet, dass sie uns während der Busfahrt, am Busbahnhof oder spätestens in Lima selbst einiges klauen würden, stellen dann aber fest, dass die Busfahrt sehr gut und sicher organisiert ist und die Stadtviertel in Lima, in denen wir uns bewegen, sehr aufgeräumt und modern sind (insb. Miraflores und San Isidro).
Den Nachmittag unserer Ankunft verbringen wir im Parque del Armor und sehen Paraglidern zu, die direkt über Klippe springen, die kräftigen Aufwinde nutzen und später wieder in dem Park landen. Nach einem Einkaufstag gibt es Kinderprogramm und wir gehen in den Zoo. Uns begleiten Carlos und Sylvia, die Eltern eines peruanischen Bekannten aus Berlin, die in Miraflores leben.
Mit dem Bus fahren wir noch weiter bis Nazca (wieder alles langweilige Küstenwüste). Trotz VIP Luxury Extra Service ist es sauheiss im Bus, es gibt nichts zu trinken und es kommt ein hirntötender Film nach dem anderen. Ziemlich platt laufen wir in Nazca ein und freuen uns aufs Fahrradfahren. Die Nazcalinien überfliegen wir nicht mit den anderen Touristen in der Cessna, sondern machen es wie die Schamanen vor 1000 Jahren im Geiste.
Der nächste Abschnitt hatte uns schon zuhause beim Kartenstudium schaudern lassen: 100 Km geht es nur bergauf von 598m auf 4300m ohne irgendwelche Dörfer. Die nächste Stadt ist nach 150 km Puquio. Die Berge sind vollkommen kahl, absolute Wüste und der Flusslauf, dem die Strasse zunächst folgt, führt schon seit sieben Jahren kein Wasser mehr. Anja macht sich Sorgen wegen der Wasserversorgung, doch ein alter Mann in einem kleinen Laden (Sortiment: Cola und Kekse) bei Km12 versichert uns, dass es bei Km45 ein Restaurant geben soll. Das würden wir dann morgen erreichen. Langsam schrauben wir uns höher, die Steigung ist angenehm zu fahren und es ist sehr wenig Verkehr. Nach der lauten Stadt und der stressigen Busfahrt tut uns die Ruhe allen gut. Immer wieder erreichen wir neue Stufen im Gelände und haben den Eindruck, dass das jetzt die Passhöhe sein könnte. Aber es tauchen dann doch wieder neue und höhere Berge auf und als wir am Abend unser Zelt aufschlagen, zeigt uns der Höhenmesser, dass noch über 2000 Hm zu fahren sind. Als Lagerplatz suchen wir uns Plätze nahe der Strasse, die aber zumindest im Dunkeln von den Autos nicht gesehen werden.
Am nächsten Tag erreichen wir eine erste Straßengabelung und dort auch einen kleinen Laden, wo wir Wasser auffüllen können. 15 Km später und rechtzeitig zum Mittagessen kommt sogar noch ein Restaurant am Straßenrand. Die Köchin fragt nach unseren Wünschen, aber nach einem Blick in die bereitstehenden Töpfe haben wir plötzlich unheimlich Apetitt auf frisch zubereitetes Rührei. Ist vermutlich gesünder.
Am dritten Tag ändert sich die Landschaft, wir erreichen langsam das Hochplateau und es gibt jetzt einzelne Bächlein und niedrige Büsche als Bewuchs. Neben der Strasse stehen immer häufiger Vicuñas (sehen aus wie kleine freche Lamas) und 10 km vor dem Pass liegt dann Pampa Galeras, so eine Art Nationalpark für Vicuñas. Welche Ziele genau mit dem Park verfolgt werden, wird uns beim Besuch nicht so ganz klar, den Rangern selber scheinen Tiere ganz gut zu schmecken - liegen doch direkt neben der Station noch die eindeutigen Reste eines Vicuñabarbecues. Nach dem Pass geht es dann Vollgas ins Tal runter. Ich denke nicht mehr ans viele Gepäck und an den Anhänger der zusätzlich schiebt, die Felge glüht vom Bremsen und das ist dem Schlauch eindeutig zu heiß: Platten. Mit etwas gedämpfter Euphorie fahren wir den Rest nach dem Platten flicken etwas langsamer runter und campen auf einem Bauernhof. Sophie ist selig - lauter Kühe, Hunde und Hühner. Sie lässt sich nur noch mit Geschrei von dem Kuhgatter wegbewegen. Den nächsten Tag verbringen wir nur noch zur Hälfte auf dem Rad, dann sind wir in der kleinen Stadt Puquio und verbringen den Nachmittag mit Vorräte auffüllen und ausruhen.
Durch die trockene Höhenluft habe ich am Morgen einen ziemlich rauhen Hals und wir überlegen hin und her, ob wir es riskieren sollen, gleich weiterzufahren. Ich hoffe, dass es sich im Laufe des Tages bessert und steige aufs Rad. Die Strasse führt jetzt von Puquio (3400m) bis auf 4500m rauf, um erst 150 Kilometer später wieder in ein weiteres Flusstal abzufallen. Bei unserer ersten Pause treffen wir zum ersten Mal auf unserer Reise andere Radler - aus dem Baskenland (nicht etwa aus Spanien). Die beiden haben das gleiche Ziel (Feuerland) und den gleichen Zeitplan wie wir, aber deutlich schlankeres Gepäck (Neid!). Aithor und Ibon haben für heute das gleiche Ziel, eine Laguna gerade am Beginn des Hochplateaus, und so heften wir uns an deren Fersen, um uns den Berg zumindest psychologisch hochziehen zu lassen. Aus dem Tal ziehen immer dunklere Wolken auf und es donnert auch schon. Die Kinder bestehen nichtsdestotrotz auf einer Pause und als wir schließlich weiterfahren, setzt auch bald der Regen ein und es wird eisig kalt. Die Basken sehen wir schon lange nicht mehr und wir geben unser Ziel auf und zelten etwas weniger idyllisch ohne die Laguna. Ich bin anscheinend doch etwas von einer Erkältung angeschlagen, und liege mindestens eine halbe Stunde im Schlafsack, bevor ich mich langsam erwärme.
Die nächsten Tage setzt sich die Seenlandschaft fort. Wir radeln immer auf ungefähr 4500 Hm mit Schnee, Hagel und Regen. In den Nächten friert es. Mit Oskar und Sophie machen wir Schlafsacktraining, damit sie es in der Nacht schön warm haben ohne sich zu sehr zu verdrehen. Das klappt auch sehr gut und die beiden schlafen ohne Probleme. Tagsüber schließen wir über den beiden das Regenverdeck und dann heizt vermutlich Oskar, der alte Backofen, den ganzen Anhänger so auf, dass die beiden gar nicht viel Kleidung brauchen, um schön warm zu sein. Neid auf Seiten Anjas und mir. Einmal ist das Wetter besonders garstig und wir kommen trotz Funktionskleidung von Kopf bis Fuß vollkommen durchgefroren nur noch mit dem Gedanken an einen heißen Tee in einem kleinen Dorf an. Schnell sammelt sich ein neugieriges Grüppchen von Kindern um uns herum und wir stellen schockiert fest, dass die alle mit Flip Flops und nackigen Füssen im Schneeregen stehen. Die Füße sind schwarz, ledern und schauen nicht mehr im Geringsten lebendig aus.
Nach vier Tagen geht es dann von dem Hochplateau wieder runter, wir fahren hinab in ein Flusstal, in dem wir dann die Hälfte unseres Guthabens von 4000m Höhe auf den nächsten 120 Km bis kurz vor Abancay ausgeben werden. Es macht große Laune immer leicht bergab zu fahren und zügig vorwärts zu kommen. Eine Nacht machen wir Halt in Chalhuanca, einem aus unserer Sicht fröhlichen und friedlichen Städtchens. Erst später erfahren wir, dass dort vor nicht zu langer Zeit das Hauptzentrum des "Leuchtenden Pfads" war.
Von Abancay müssen wir alles, was wir runtergeradelt sind, wieder hochradeln. Die anstrengendste Etappe unser bisherigen Reise bringt uns auf einen Satz bis Curahuasi (1600 Hm und 73 Km). Dann geht es noch mal runter bis auf 2000 m, um ein weiteres Flusstal zu überwinden, und wieder langsam hoch bis auf 3500m, die Höhe von Cuzco. Bisher war die Stimmung ausgeglichen und wir hatten einen guten Rhythmus mit den Kindern gefunden. Die letzten zwei drei Tage sinkt die Laune dann allerseits auf den Tiefpunkt (wir wollen endlich nach Cuzco). Oskar taucht tiefer in die Trotzphase ein und um dem gelassen zu begegnen, dafür haben wir momentan zu wenig Energie übrig.
Mit Rückenwind geht es den letzten Tag durch eine schöne Hochebene, um dann nach 14 Tagen endlich Cuzco zu erreichen. Der Stadtplan in unserem Führer bildet Strassen, Gassen, Treppen, extrem steile Strassen und Einbahnstrassen alle gleich ab. So haben wir erst eine supersteile Auffahrt (Lunge platzt), dann supersteile Abfahrt auf Kopfsteinpflaster (von der eigenen Courage und den guten Bremsen überrascht), dann noch schiebenderweise die letzte steile Strasse hinauf zum Hotel (schliddernd in den Radlschuhen). Am Abend belohnen wir uns alle mit einem Essen in einem der schicken Restaurants, die es hier speziell für die ganzen Touristen gibt. Wir sind froh leckere Pizza statt dem ewigen Hähnchen mit Reis essen zu dürfen.