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Mit uns an Bord sind noch fünf andere Radler und ein paar Backpacker, die auch nach Argentinien wollen. Dazu kommen noch gut 30 weitere Touristen, die mit dem Boot noch weiter zum Glaciar O'Higgins fahren wollen.  Zwei Stunden dauert die Überfahrt nach Candelario Mancilla, dem chilenischen Grenzposten. Als wir an Land gehen, gibt es gleich die böse Überraschung: die Packpferde, die wir für den kommenden Weg bestellt hatten, sind nicht da, sondern noch in Argentinien verschollen. Nun gut, dann müssen wir wohl alleine durch. Auf der Laguna Desierto fährt heute am Abend das letzte Boot, das wir aber ohne Pferde nicht erreichen können und dann erst wieder am Dienstag. D.h. Stress brauchen wir uns gar keinen zu machen, wir haben sowieso mehr als ausreichend Zeit für den Weg.

Von der Bucht, in der das Boot angelegt hat, windet sich ein steiniger Karrenweg hoch bis zu einer Geländestufe, auf der dann die chilenische Gendarmerie ihre Gebäude hat. Nach der langen Ruhepause in Villa O'Higgins habe ich jetzt hier, beim Versuch das Fahrrad den Berg hochzuschieben, allen Mineraldrinks zum Trotz heftige Krämpfe in den Oberschenkeln. Ich kenne das Phänomen schon und die einzige Lösung, die ich gefunden habe,  ist, nach langen Pausen wieder ganz langsam zu starten. Das lässt sich hier auf dem steilen Weg natürlich nicht realisieren und ich kann Anja ja auch nicht alles alleine machen lassen. Im Zeitlupentempo geht es den Berg hinauf und die Kinder wundern sich, warum der Papa dabei so laut schreit und schimpft. Es ist frustrierend eigentlich genügend Kraft in den Beinen zu haben und die dann doch nicht einsetzt zu können. Die Krämpfe nehmen sich der Reihe nach einen Muskel nach dem anderen vor, mal am linken Bein mal am rechten. Aber ein gewisser Fortschritt ist erkennbar und irgendwann sind alle Muskeln durchgekrampft und ich komme halbwegs schmerzfrei den Berg hoch. Das ist auch gut so, denn wir müssen noch 300 Höhenmeter auf dem steilen steinigen Weg hochschieben, ehe wir flacheres, endlich wieder fahrbareres Gelände erreichen.

Es fängt zu regnen an und zusammen mit einem stürmischen Wind wird es gleich eiskalt. Wir fragen uns schon, ob es wirklich so eine gute Idee ist, bis Feuerland radeln zu wollen. Eine halbe Stunde später ist der Spuk wieder vorbei und die Bäume leuchten gelbgrün im Sonnenschein. Vorhin sind wir noch über scharfkantiges Geröll gestolpert, jetzt rollen wir sanft auf einem erdigen Waldweg und die Felsen am Wegrand haben weiche Moospolster. Alles ist so friedlich, dass wir gar nicht mehr verstehen, wie wir uns kurz vorher noch an einen anderen Ort wünschen konnten.

Es ist schon später Nachmittag als wir zu einem Fluss mit weggespülter Brücke kommen. Ich unternehme einen ersten Testlauf durch die Furt mit Oskar am Arm.  Das Wasser ist eisig kalt, knietief und sehr reißend. Das Gepäck einzeln rüberzutragen kommt nicht in Frage, sonst erfrieren uns die Füße. Also nehme ich mein Fahrrad einfach so vollbepackt wie es ist und schiebe es in die Fluten. Durch die Packtaschen schwimmt das ganze Fahrrad auf und die Strömung zerrt ganz ordentlich - ich aber auch und dann ist es auch schon geschafft. Na das war ja einfach. Hoffentlich halten die wasserdichten Packtaschen, was sie versprechen. Das andere Fahrrad gelangt auf gleiche Weise ans andere Ufer, verbleibt nur noch Sophie, die wir in dem Anhänger als Sänfte hinübertragen. Die Füße sind jetzt von dem kalten Wasser vollkommen taub und wir bauen schnell das Zelt auf, um in die Schlafsäcke zu kommen und uns wieder aufzuwärmen. Den Abend nutzen wir noch und bereiten Oskar darauf vor, dass am nächsten Tag die schwierige Passage runter an die Laguna Desierto ansteht und er nicht wie gewohnt im Anhänger sitzen kann, sondern vermutlich die fünf Kilometer selber laufen muss. Er verspricht sich anzustrengen und so legen wir uns zum Schlafen, gespannt, wie schwierig der Weg am nächsten Tag wohl sein wird.  

Sophie ist vor dem Einschlafen recht quengelig, hat ein ziemlich rotes Gesicht und scheint Fieber zu bekommen.  Prompt fängt auch sie an im Schlaf zu Plappern, wenn auch nicht ganz so ausführlich wie Oskar ein paar Tage vorher: "da, da, da, da" und "heiß, heiß, heiß, heiß". Wir sind das jetzt ja schon gewöhnt und machen uns gar nicht mehr weiter Sorgen. Als wir in der Früh aufwachen, ist Sophie auch schon wieder die alte.

 

Der Karrenweg, dem wir bisher gefolgt sind, führt noch genau bis zum Grenzstein zwischen Chile und Argentinien, dann gibt es nur noch eine schmale Pfadspur. Oskar protestiert zunächst, als er aus dem Anhänger muss, lässt sich dann aber doch locken, für uns den weiteren Weg zu erforschen. So kämpft er sich durch die dichten  Büsche und brüllt uns Hinweise wie "Stock" "Stein" und "Schlamm" zu. Die erste Stunde versuchen wir noch mit allen unseren Sachen gleichzeitig vorwärtszukommen, nach der Frühstückspause geben wir es aber auf und beschließenden Anhänger zurückzulassen und nur mit Kindern und Rädern den argentinischen Grenzposten an der Laguna Desierto zu erreichen. Sophie packen wir Anja in den Rucksack, Oskar läuft - inzwischen als Emma die Lokomotive - den Weg voraus und ich schiebe zuerst das eine, dann das andere Fahrrad hinterher. Der Weg ist wunderschön und sehr abwechslungsreich - nur für vollbepackte Fahrräder ist er nicht gemacht. Gerade die vorderen Packtaschen bleiben an Steinen, Wurzeln und Büschen hängen, Bäume liegen quer über den Weg und immer wieder kommen sumpfige Passagen. Ohne schmutzig zu werden kommen wir hier sowieso nicht durch und  so ist Oskar begeistert mit schmatzenden Schuhen direkt durch den Matsch laufen zu dürfen.  Wir sind noch ganz vertieft, mit unserer kleinen Karawane vorwärts zu kommen, als sich mit einem Mal der Wald lichtet und vor uns die fantastische Aussicht auf die Laguna Desierto und den Monte Fitz Roy auftut. 200 m unter uns liegt die Gendarmerie und das Ende der Mühen ist absehbar. Wir legen noch eine letzte Pause ein und tanken mit ein paar großzügigen Bissen Schokolade Energie für das letzte Wegstück. Hier haben die Packpferde einen so tiefen und engen Graben getreten, dass das Fahrrad fast komplett darin verschwindet. Wir packen die Hälfte der Taschen ab, damit sich die Fahrräder in der Rinne nicht verkeilen, den Rest erledigt die Schwerkraft.  Die Grenzer schauen ziemlich verblüfft drein, als sie Oskar und Sophie vergnügt zur Polizeistation marschieren sehen. Auf der  Wiese neben der Station schlagen wir schließlich unser Zelt auf und haben das beeindruckende Fitz Roy Massiv direkt vor der Tür.

Am nächsten Morgen laufe ich noch mal die fünf Kilometer den Berg hoch und finde den Anhänger noch so, wie wir ihn zurückgelassen haben. Mitten im Wald stehen Pferde und sehen mir interessiert zu, wie ich den Anhänger erst zusammenklappe und ihn mir dann auf den Rücken schnalle. Gerade mal 100m schaffe ich, dann meine ich der Rücken bricht mir ab und ich muss den Klotz schon wieder absetzen. Mit etwas verändertem Gurtsystem lässt sich der Anhänger dann aber doch gut tragen und zum Mittagessen bin ich wieder unten am See. Bei prächtigem Wetter verbringen wir den Nachmittag in den Wäldchen und an einem Bächlein - wie gewohnt - Steine und Stöcke schmeißend.

 

Am nächsten Tag geht es dann per Boot bei garstigem Wetter über den See und am anderen Ufer über eine ziemliche Rüttelpiste bis nach El Chalten. Dort angekommen sind wir uns einig, dass wir uns eine dicke Belohnung verdient haben und bestellen uns im erstbesten Restaurant saftige argentinische Steaks.

Einen Tag bleiben wir noch in El Chalten und wollen Oskars Wanderlaune ausnützen, um bis zu einem schönen Aussichtspunkt hochzulaufen. Emma die Lokomotive legt auch wildentschlossen los. Doch ach, der Weg ist steil, die Stufen hoch und abseits des Wegs bilden Felsen und Baumstämme den schönsten Abenteuerspielplatz. So geht Anja mit den Kindern klettern und der Papa läuft alleine weiter, um wenigstens noch ein paar Aufnahmen vom Fitz Roy zu schießen.

Später kaufen wir noch Vorräte für die nächste Etappe nach El Calafate und freuen uns, dass es in Argentinien endlich mal wieder Käse mit Geschmack und Nicht-Weißbrot zu kaufen gibt. Das dicke Stück Emmentaler, das eigentlich für vier Tage gedacht war, ist gleich am ersten Abend weg und wir kaufen, bevor wir am nächsten Morgen (23.2.) El Chalten verlassen, noch mal tüchtig nach.

 

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