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Da die Versorgungslage auf den nächsten 800 km wohl recht dürftig sein wird, kaufen wir noch mal tüchtig ein. In Coyhaique lässt sich wirklich alles bekommen, sogar Couscous und Nutella. Wobei letzteres leider aus Preisgründen ausscheiden muss. Unsere Reifen haben ihrem Namen „Marathon Extrem“ alle Ehre gemacht und 8000 Km ohne Probleme durchgehalten. Profil wäre zwar noch genügend drauf, aber sie leiden jetzt alle an der gleichen Krankheit, einer dicken Beule an einer Stelle. Wir wechseln daraufhin drei der Reifen aus, beim vierten entdecken wir die Beule erst unmittelbar vor Abfahrt. Keiner von uns beiden hat so richtig Lust jetzt noch mal loszulaufen und einen Reifen zu kaufen und so ignorieren wir das drängende Problem in stillschweigendem Einverständnis und fahren einfach los.
Bei strahlendem Wetter geht es zügig voran, irgendwann setzt auch noch starker Wind ein und schiebt uns nur so die Berge hoch. Hoffentlich trifft uns solch starker Wind nicht mal von vorne. Über einen Pass geht es Richtung Cerro Castillo einem Ort am Fuße des gleichnamigen Berges, der aussieht wie eine finstere Burg aus Mittelerde. Die Strasse geht Bergbächlein entlang, an denen Oskar und Sophie in den Pausen schön spielen können. So wundert es nicht, dass Sophie in ihrem noch recht kleinen Vokabular schon „Stein“ und „schmeiss“ aufgenommen hat. In der Sonne ist es so heiß wie zuletzt in Zentralamerika, aber sobald wir in den Pausen in den Schatten flüchten, ist es kalt und wir fangen an zu frieren.
Wir kommen zu einem ausgedehnten Tal, in dem von allen Bäumen, die hier mal gewachsen sind nur noch die silbrig verwitterten Stämme stehen. Ein Vulkanausbruch hat hier 1996 durch seinen Ascheregen und eine Überschwemmung den ganzen Wald abgetötet.

Die Beule am letzten „Marathon Extrem“ Reifen wird von Tag zu Tag größer und bis Cochrane sind es noch über 100 Kilometer. Wir sind gerade auf dem Weg nach Rio Tranquilo, als sich der Reifen schließlich mit einem lauten Knall verabschiedet. Der Ort ist in Schiebereichweite und so fahre ich schon mal voraus, um zu sehen, ob wir dort Ersatz bekommen können. Fünf kurze Strassen gibt es in dem Ort und meine Hoffnung ist nicht allzugross. Im Geiste schwatze ich schon einem Jungen den Hinterreifen vom Mountainbike bzw. Fahre ich mit dem Bus die 200 Kilometer zurück nach Coyhaique. So was Blödes. An einem kleinen Laden sind ein paar Männer am Ratschen und ich erkundige mich zwecks der Reifen. Der erste weiß gleich von jemanden, der wohl gerade erst Reifen von einem Freund geschenkt bekommen hätte. Zwei Blocks weiter finde ich prompt die Person und der hat tatsächlich noch zwei nagelneue Reifen. Er bedauert, dass es sich um Slicks, d.h. um Reifen ohne Profil handelt, aber das ist ideal für unseren Anhänger. In Coyhaique hatte ich vergeblich Slicks gesucht. $20 und das Paar gehört uns. Im Garten hat die Familie einen kleinen Campingplatz, kleine Kinder laufen auch noch rum – als Anja schließlich 20 Minuten später zu Fuß in dem Ort auftaucht ist auch schon für die perfekte Übernachtung gesorgt. Ich hätte ja gerne auch noch das Zelt aufgestellt, aber das hatte dummerweise Anja in einer der Packtaschen.

 

Am Nachmittag unternehmen wir noch einen Ausflug mit dem Boot zur Capilla de Marmol. Der See, an dem Rio Tranquilo liegt, hat aus dem Marmorgestein fantastische Skulpturen und Höhlen gewaschen, die sich aber nur vom Wasser aus besichtigen lassen. Ein stürmischer Wind lässt zwei, drei Meter hohe Wellenberge über den See laufen und die Fahrt mit dem Boot wird ein wilder Ritt. Als wir schließlich bei der Capilla ankommen und Fahrer für die Besichtigung das Boot anhält, dreht sich Oskar um und meint „Mas rapido, por favor!“. Für die Marmorhöhlen ist er nicht wirklich zu begeistern, er fragt uns ständig wann wir endlich zurückfahren und der Fahrer wieder Gas gibt.


Einen Tag bevor wir mit Cochrane den nächsten größeren Ort erreichen, bricht die Schwinge erneut an der Schweißnaht aus Coyhaique. Gott sei Dank hatte ich als Rückfalllösung noch einen Stahlbolzen einsetzen lassen, der noch in Ordnung zu sein scheint. Diesmal schaffen wir es tatsächlich die Schwinge mit Zweikomponentenkleber dauerhaft zu reparieren. Oskar und Sophie freuen sich darüber, dass wir wegen der Reparatur heute schon mittags unser Lager aufschlagen. In dem Camp, in dem wir durch Zufall gelande0t sind, laufen Pferde frei rum, es gibt für Oskar jede Menge Felsen zum Besteigen und eine süße Tochter im richtigen Alter zum gemeinsamen Spielen haben die Besitzer auch noch.
Die letzten 50 Kilometer nach Cochrane werden sehr anstrengend, die Steigungen sind steil und Oskar muss immer wieder aussteigen, damit ich mein Fahrrad samt Anhänger den Berg hochschieben kann. Er findet jetzt Gefallen daran den Berg selber hochzulaufen und uns damit zu helfen. Als Belohnung gibt es dann natürlich auch etwas von dem begehrten Mineraldrink, den sonst nur Mama und Papa bekommen.
Auf halber Strecke holen uns Frank und Annett, zwei deutsche Radler, die wir in Bolivien zum ersten Mal getroffen hatten, ein. Die beiden ziehen uns psychologisch noch mit bis nach Cochrane, sonst hätten wir wohl vorzeitig aufgegeben. So erreichen wir zwar erst um halb acht abends und ziemlich kaputt unsere Herberge, können uns aber auf einen Ruhetag am nächsten Tag (9.2.) freuen.

 

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