Die Eltern von Anja haben uns geschrieben, sie werden Villa
O’Higgins schon am Samstag von Argentinien her erreichen und dort auf uns
warten. Das bedeutet, wir müssen uns ziemlich sputen, wenn wir einerseits das
nächste Schiff am Mittwoch nehmen wollen, aber auch noch etwas Zeit für das
Zusammentreffen sein soll. Das letzte Stück der Carretera soll mit das schönste
sein, leider ist das Wetter trüb und taucht alles in recht graue Farben. Zum
Radeln ist es dagegen angenehm nicht in der Knallhitze fahren zu müssen. Frank
und Annett sind die ersten Tage zeitgleich mit uns unterwegs, wir treffen uns
immer wieder bei Pausen und zelten auch gemeinsam. Oskar freut sich jedes Mal
darüber mit Frank jemanden zum „Fetzen und Fangen“ zu haben. Auf halber Strecke
überholen uns drei Südafrikaner auf dem Rad, deren Gepäck ist unwesentlich
größer wie ein Tagesrucksack. Die drei scheinen es richtig eilig zu haben, sie
rufen uns nur einen kurzen Gruß zu und sind schon wieder weg. Nur weil wir
gemeinsam auf eine Fähre warten müssen, haben wir die Gelegenheit sie zu
sprechen. Es stellt sich raus, dass sie in Etappen bis zu 240 Km unterwegs
sind. Wir sind froh die 220 bergigen Kilometer von Cochrane nach Villa
O’Higgins in vier Tagen zu schaffen. Damit treffen wir noch rechtzeitig die
Grosseltern, die schon in einer gemieteten Cabaña auf uns warten. Villa
O’Higgins ist eine gerade mal 40 Jahre alte Siedlung, die nur zu dem Zweck
gegründet wurde, die chilenische Ansprüche auf das umliegende Gebiet zu
unterstreichen. Dort endet die 1000 Km lange Carretera Austral und es gibt für
uns nur noch die Möglichkeit, die Reise per Schiff über den Lago O’Higgins und
die Laguna Desierto nach Argentinien fortzusetzen. Durch das Grenzgebiet, das
sich zwischen diesen beiden Seen befindet, führen nur sehr schlechte Wege, die
sich lediglich zu Fuß oder per Fahrrad bewältigen lassen. Von Anjas Eltern, die
die Strecke in umgekehrte Richtung zurückgelegt haben, raten uns, Packpferde zu
mieten, um Gepäck und unseren Anhänger transportieren zu lassen. Dem Rat wollen
wir gerne folgen, wir sind von der letzten Etappe noch müde und die Lust auf
zusätzliche Abenteuer ist gering.
Von Oskar und Sophie sehen wir am nächsten Tag nur wenig, die beiden sind die
ganze Zeit mit Oma und Opa unterwegs und selig. So können wir einiges an
Reparaturarbeiten erledigen und auch noch mal kräftig für die kommenden Tage
einkaufen.
Am Abend vor unserer Weiterreise grillt Frank, vom Beruf Koch, für
uns alle eine ganz fantastische Lammkeule und wir feiern noch mal das
gemeinsame Wiedersehen, bevor sich unser Weg wieder trennt. Am nächsten Morgen
(15.2.) um acht soll unser Boot über den Lago O´Higgins gehen.
In der Nacht schläft Oskar sehr unruhig, fängt dann irgendwann an zu kichern
und spricht von Kinderfischen. Als wir ihn zu uns mit ins Bett
nehmen, ist schnell klar: über 39° Fieber. Bis in den frühen Morgen erzählt uns
Oskar in einer Art Halbschlaf immer wildere Geschichten und fällt erst
gegen 5 Uhr in einen tiefen Schlaf. Die schwierige und einsame Etappe, die
vor uns liegt, können wir mit dem kranken Oskar auf jeden Fall nicht angehen.
So müssen wir wohl oder übel das Boot ohne uns abfahren lassen. Die
nächste Möglichkeit den Lago O'Higgins zu überqueren wird dann erst wieder in
drei Tagen, am Samstag, sein. Mit dem Aufstehen sinkt das Fieber zwar
erwartungsgemäß, aber Oskar ist den ganzen Vormittag über noch sehr schlapp.
Er schläft mit dem Opa auf dem Sofa noch mal für eine Stunde und ist am
Nachmittag wieder gesund und quietschfidel. Oma und Opa können so am
nächsten Morgen beruhigt zur Weiterreise aufbrechen. Wir haben noch zwei ruhige
Tage in Villa O'Higgins und machen uns am Samstag, den 18.2. auf den Weg
Richtung Argentinien. 9000 Kilometer zeigt der Tacho, als wir
unsere Räder aufs Boot schieben.